Physik: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
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Physik

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"Deutsche Physik" - Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im Dritten Reich
Vor fast 10 Jahren habe ich im Rahmen einer Diskussion auf dem Matheplaneten erstmals etwas über die Unterstützung der rassistischen und judenfeindlichen Nazi-Ideologie durch zwei Nobelpreisträger der Physik erfahren. Das hat mich damals ziemlich erschüttert: Weltanschauung siegt über logisches Denkvermögen. In den Jahren danach habe ich viel über dieses Thema gelesen und öfter auch daran gedacht, über diese "dunklen Flecken" in der Geschichte der Physik in einem Artikel zu berichten. Jetzt habe ich diesen Artikel geschrieben. Er bietet nur einen Überblick. Für Vertiefungen verweise ich auf die angegebene Literatur.

Blütezeit der Physik in Deutschland vor 1933
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erlebte die Physik in Deutschland eine Blütezeit. In den 32 Jahren von 1901 (dem Jahr der erstmaligen Verleihung des Nobelpreises) bis 1932 wurde der Nobelpreis für Physik elfmal an deutsche Forscher verliehen. Deutsche Physiker wie Max Planck, Albert Einstein und Werner Heisenberg revolutionierten das physikalische Denken. Berlin galt als Welthauptstadt der Physik. Studienaufenthalte in Deutschland waren bei Physikstudenten international begehrt. Die Universitäten in Berlin, Heidelberg oder Göttingen hatten einen Ruf wie heute Yale, Stanford oder Princeton. Am 11. Januar 1911 wurde die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Forschung" (heute: Max-Planck-Gesellschaft, der Physiker Max Planck war von 1930 bis 1936 Präsident der KWG) gegründet. Auftrag der KWG war die Errichtung und Unterhaltung von außeruniversitären Forschungsinstituten, die sich überwiegend in völliger Freiheit und Unabhängigkeit der Grundlagenforschung widmen konnten. Auch diese Forschungseinrichtungen genossen weltweit hohes Ansehen. Diese Blütezeit der Physik in Deutschland ging mit der Machtergreifung Hitlers 1933 abrupt zu Ende. Mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 und den dazu ergangenen Durchführungsbestimmungen begann die Entfernung politischer Gegner, Andersdenkender und insbesondere jüdischer Wissenschaftler aus den Universitäten und zwang sie vielfach in die Emigration. Viele jüdische Wissenschaftler blieben trotz der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Deutschland, in der Hoffnung, Hitler würde sich nicht lange an der Macht halten können. Die meisten von ihnen wurden später in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet. Nach der Machtergreifung Hitlers dauerte es 22 Jahre, bis wieder ein deutscher Physiker den Nobelpreis erhielt.
Antisemitismus in Deutschland vor Hitlers Machtergreifung
Nicht nur in Deutschland war das Verhältnis zwischen Christen und Juden selten spannungsfrei. Obwohl in der Deutschen Reichsverfassung von 1871 die Gleichberechtigung des jüdischen Bevölkerungsteils formal verankert war, gab es in der Bevölkerung weiter judenfeindliche Tendenzen. Der Journalist Wilhelm Marr prägte in seinem 1879 veröffentlichen Buch "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum" den Begriff Antisemitismus und grenzte sich von der traditionellen religiösen Judenfeindschaft ab, indem er behauptete, dass die Juden eine fremde Rasse seien. Die von über 265.000 Bürgern unterzeichnete "Antisemiten-Petition" an den Reichskanzler Otto von Bismarck von 1880/81 trug dazu bei, dass der Begriff Antisemitismus Eingang in den deutschen Sprachgebrauch fand. Einer der Hauptinitiatoren der Petition war der Leipziger Physikprofessor Karl Friedrich Zöllner. Gefordert wurde die Einschränkung der verfassungsrechtlichen Gleichstellung der Juden und insbesondere die Entfernung aller Juden aus dem Staatsdienst. Obwohl die Regierung die Petition als solche nicht verurteilte, wies sie die Forderungen zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg nahmen Anzahl und Mitgliedsstärke antisemitischer Organisationen rasch zu. Die Anhänger kamen vor allem aus dem Mittelstand und dem Bildungsbürgertum. Am 24. Februar 1920 wurde im Münchener Hofbräuhaus die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gegründet, ihr Parteivorsitzender war seit 1921 der spätere Reichskanzler Adolf Hitler. Die Parteiideologie war von radikalem Antisemitismus und Nationalismus sowie der Ablehnung von Demokratie und Marxismus geprägt. Nach dem gescheiterten Hitler-Putsch wurde die NSDAP am 23. November 1923 reichsweit verboten. Nach Aufhebung des Parteiverbots gründete Hitler die NSDAP am 27. Februar 1925 neu. Die Anzahl der Parteimitglieder stieg bis Anfang 1933 auf über 1,2 Millionen. Trotz der vielen antisemitischen Zeitschriften und Bücher sowie der sich ab 1930 häufenden Übergriffe der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) auf jüdische Geschäfte und Bürger blieb der Antisemitismus bis zu Beginn der 30er Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine Randerscheinung. Das änderte sich erst mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. Sofort danach begann der Prozess der Verdrängung aller Juden aus der deutschen Gesellschaft mit einer nicht unerheblichen Unterstützung in der Bevölkerung.
Einstein - der Relativitätsjude
Bis 1905 war Albert Einstein in der wissenschaftlichen Welt ein Unbekannter. Im Jahr 1905 (dem "annus mirabilis" der Physik) veröffentlichte Einstein in den "Annalen der Physik" vier bahnbrechende Arbeiten. Diese Arbeiten begründeten seinen Weltruhm. Für eine dieser Arbeiten erhielt er 1921 den Nobelpreis. Nach der Veröffentlichung seiner allgemeinen Relativitätstheorie im Jahre 1916 und den ersten experimentellen Bestätigungen dieser Theorie galt er als einer der größten Physiker aller Zeiten. Wie die meisten grundlegend neuen Theorien wurde auch die Relativitätstheorie kontrovers diskutiert. Die abstrakten, der Anschauung nicht zugänglichen Erkenntnisse wurden von vielen als Bedrohung der althergebrachten Ordnung empfunden und deshalb abgelehnt. Diese Auseinandersetzungen wurden nicht nur innerhalb der Wissenschaft geführt, sie wurden zum Thema für Zeitungen, Radio und öffentlichen Veranstaltungen. Seit 1920 organisierte sich der Protest gegen Einstein. Wortführer war ein Verein mit dem Namen "Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft e.V.", der sich als ein Ziel die Judenreinheit der deutschen Wissenschaft gesetzt hatte. Führende Mitglieder dieses Vereines waren der Experimentalphysiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard und der Physiker und Oberregierungsrat an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Ernst Gehrcke. Am 24. August 1920 fand in der Berliner Philharmonie eine Kundgebung dieses Vereins gegen die Relativitätstheorie statt, auf der Einstein aggressiv und offen antisemitisch angegriffen wurde. In der im Jahr 1923 gegründeten antisemitischen Wochenzeitschrift "Der Stürmer" wurde Einstein als "Relativitätsjude" bezeichnet, der seinen Deutschenhass hinter seiner obskuren Pseudowissenschaft verstecke. In der Folgezeit wurde der "Relativitätsjude" Einstein immer öfter zur Zielscheibe antisemitischer Emotionen. Als einer der wenigen - meist unpolitischen - deutschen Naturwissenschaftler erkannte er die sich nahende Gefahr durch die Nationalsozialisten und zog die Konsequenz: Zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung befand er sich mit seiner Frau auf einer Vortragsreise in den USA. Einstein blieb als Emigrant in den USA und betrat bis zu seinem Tod im Jahr 1955 nie wieder deutschen Boden.
"Deutsche Physik" - Nobelpreisträger als Komplizen Hitlers
Die ersten namhaften deutschen Naturwissenschaftler, die sich öffentlich für Adolf Hitler einsetzten, waren die Physik-Nobelpreisträger Philipp Lenard und Johannes Stark. Am 8. Mai 1924 schrieben sie in einem Artikel mit dem Titel "Hitlergeist und Wissenschaft" in der Großdeutschen Zeitung:

"Hitler und seine Kampfgenossen, sie scheinen uns wie Gottesgeschenke aus einer längst versunkenen Vorzeit, da Rassen noch reiner, Menschen noch größer, Geister noch weniger betrogen waren."

Die Experimentalphysiker Lenard und Stark standen den neueren Entwicklungen in der Physik, die durch Abstraktheit und schwierige mathematische Theorien - wie die Relativitätstheorien - gekennzeichnet sind, ablehnend gegenüber. Sie führten ihren Kampf gegen Einsteins Relativitätstheorien jedoch nicht nur mit wissenschaftlichen, sondern auch mit rassistischen Argumenten. Sie konstruierten einen Unterschied zwischen "deutscher Physik" und "jüdischer Physik". Im Vorwort seines 1936 erschienenen vierbändigen Lehrbuches "Deutsche Physik" schrieb Philipp Lenard:

"’Deutsche Physik?’ wird man fragen. Ich hätte auch arische Physik oder Physik des nordisch gearteten Menschen sagen können, Physik der Wirklichkeitsbegründer, der Wahrheitssuchenden, Physik derjenigen, die Naturforschung begründet haben. - ‚Die Wissenschaft ist und bleibt international’ wird man mir einwenden wollen. Dem liegt aber immer ein Irrtum zugrunde. In Wirklichkeit ist die Wissenschaft, wie alles, was Menschen hervorbringen, rassisch, blutmäßig bedingt."

Mit ihrer Ablehnung der "jüdischen Physik" und ihren Angriffen gegen jüdische Physiker wurden Lenard und Stark zu Komplizen Hitlers und waren maßgeblich an der Vertreibung zahlreicher Forscher ins Ausland beteiligt. In der Zeitschrift "Nationalsozialistische Monatshefte" vom 8. November 1930 - über zwei Jahre vor der Machtergreifung Hitlers - veröffentlichte Johannes Stark einen Aufsatz mit dem Titel "Die Verjudung der deutschen Hochschulen". Darin kündigte er die Regierungsübernahme durch die NSDAP in nicht ferner Zeit an und forderte die Entlassung aller jüdischen Hochschullehrer. Nach der Regierungsübernahme Hitlers erhielten Lenard und Stark Machtpositionen in der Wissenschaftsorganisation. Der bereits pensionierte Lenard übernahm die Aufgabe des Ideologen mit Beraterfunktion beim Reichskultusministerium. Stark wurde von 1933-1939 Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin und von 1934-1936 Präsident der Forschungsförderungseinrichtung Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Nach der Vertreibung der Juden von den Universitäten prägte Stark den Begriff "weißer Jude" für nichtjüdische Vertreter der Relativitäts- und Quantentheorie. Ab 1940 verloren die Vertreter der "Deutschen Physik" an Einfluss, weil die moderne theoretische Physik ihre Nützlichkeit in zahlreichen Forschungsprojekten - insbesondere bei dem Uranprojekt zur militärischen Nutzung der Kernspaltung - bewiesen hatte. Diese Distanzierung von der "Deutschen Physik" wurde mit den Kriegsjahren immer stärker.
Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich
Die Geschichte der Wissenschaft im Dritten Reich ist geprägt durch die rassistisch begründete Vertreibung von jüdischen Wissenschaftlern aus ihren beruflichen Positionen. Die Nationalsozialisten wollten aber auch die Wissenschaftsorganisationen im Sinne des Nationalsozialismus neu ordnen und gleichschalten. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) gehörte zu den wichtigsten wissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland. Sie wurde 1845 in Berlin gegründet. Wegen der weltweit führenden Rolle der physikalischen Forschung in Deutschland stand die DPG Anfang der dreißiger Jahre im Zenit ihrer Geschichte. Weltberühmte Physiker wie Max Planck, Albert Einstein und Arnold Sommerfeld hatten das Amt des Präsidenten der DPG bekleidet. 1933 war der Physik-Nobelpreisträger Max von Laue Präsident der DPG. Als im Herbst 1933 das Amt des Präsidenten neu besetzt werden sollte, kam es zur ersten Konfrontation mit den Nationalsozialisten. Der führende Vertreter der "Deutschen Physik" Johannes Stark bewarb sich um das Amt. Doch die DPG ließ sich ihren Präsidenten nicht von den Nationalsozialisten vorschreiben. In geheimer Wahl wurde mit überwältigender Mehrheit der Industriephysiker und Osram-Direktor Karl Mey zum Präsidenten gewählt, Stark erhielt nur zwei Stimmen. In einem Brief an Albert Einstein schrieb Max von Laue: "Wir haben den Angriff Starks auf den Vorsitz in der Physikalischen Gesellschaft glänzend abgeschlagen." In der Folgezeit konnte sich die DPG zunächst einen relativ hohen Grad an Autonomie bewahren und z.B. bis 1938 den Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder vermeiden. Auch auf die Forderung des Reicherziehungsministeriums nach einer NS-konformen Satzung reagierte die DPG hinhaltend. Dadurch unterschied sich die DPG von anderen Wissenschaftsorganisationen wie dem Verein Deutscher Ingenieure, dem Verband Deutscher Chemiker oder der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, die der politischen Gleichschaltung weniger Widerstand entgegensetzten. Es gab in der DPG jedoch keine aktive Opposition gegen das NS-Regime, die Führung der DPG betrieb eine Hinhaltetaktik zur Schadensbegrenzung und vermied jegliche Kritik an der Regierung. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre geriet die DFG immer stärker unter Druck, sich endlich an das nationalsozialistische Herrschaftssystem anzupassen. Innerhalb der DPG gab es eine Gruppe jüngerer Physiker, alles überzeugte Nationalsozialisten, die diese Forderungen unterstützten. Diesem Druck konnte sich die DPG jetzt nicht mehr entziehen. Am 9. Dezember 1938 schrieb der damalige Präsident der DPG - der niederländische Physiker und Nobelpreisträger für Chemie - Peter Debye einen Brief an die jüdischen Mitglieder der DPG (120 Personen, knapp 10% des Mitgliederbestandes):

"Unter den zwingenden obwaltenden Umständen kann das Verbleiben von reichs-deutschen Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft nicht mehr aufrecht erhalten werden. Im Einverständnis mit dem Vorstand fordere ich alle Mitglieder, welche unter diese Bestimmung fallen, auf, mir ihren Austritt aus der Gesellschaft mitzuteilen.

Einige der Angeschriebenen antworteten auf den Brief und erklärten ihren Austritt, die restlichen wurden stillschweigend aus der Mitgliederliste gestrichen. Gut ein Jahr später erfüllte die DPG auch die Forderung nach einer NS-konformen Satzung. Mit Beginn des 2. Weltkrieges gab die DPG-Führung ihre weitgehend hinhaltende, passive Rolle auf und stellte als Anwalt der deutschen Physiker die physikalische Forschung in den Dienst des Krieges. Dass diese Allianz mit dem Militär nicht nur die Bedeutung der physikalischen Forschung verstärkte, sondern auch das NS-System stabilisierte und den Krieg verlängerte, wurde von der DPG-Führung billigend in Kauf genommen. Letztendlich muss man den Physikern in der DPG den Vorwurf machen, den die vor den Nationalsozialisten 1939 geflohene Physikerin Lise Meitner am 27. Juni 1945 in einem Brief an den in Deutschland gebliebenen Entdecker der Kernspaltung Otto Hahn zum Ausdruck brachte:

"Ich habe Dir in diesen Monaten in Gedanken sehr viele Briefe geschrieben, weil mir klar war, daß selbst Menschen wie Du und Laue die wirkliche Lage nicht begriffen hatten. ... Das ist ja das Unglück von Deutschland, daß Ihr alle den Maßstab für Recht und Fairness verloren hattet. ... Ihr habt auch alle für Nazi-Deutschland gearbeitet und habt auch nie nur einen passiven Widerstand zu machen versucht. Gewiß, um Euer Gewissen los zu kaufen, habt Ihr hier und da einem bedrängten Menschen geholfen, aber Millionen unschuldiger Menschen hinmorden lassen, und keinerlei Protest wurde laut."


Literatur FISCHER, W., HIERHOLZER, K., HUBENSTORF, M., Exodus von Wissenschaften aus Berlin, 1. Auflage, De Gruyter, 1994 WALKER, M., HOFFMANN, D., Physiker zwischen Autonomie und Anpassung: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich, 1. Auflage, Wiley-VCH Verlag, 2006 BEYERCHEN, A. D., Wissenschaftler unter Hitler. Physiker im Dritten Reich, 1. Auflage, Ullstein Taschenbuchvlg., 1990 HESS, J., Deutsche Physiker und die nationalsozialistische Bewegung in der frühen Weimarer Republik: Johannes Starks Weg zu Adolf Hitler, 1. Auflage, Grin Verlag, 2008
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"Physik: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich" | 18 Comments
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Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: fru am: Di. 15. Januar 2013 00:29:38
\(\begingroup\)Danke, Rebecca, für diesen interessanten Beitrag. Mögen solche Zeiten für immer der Vergangenheit angehören! Liebe Grüße, Franz \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Ex_Mitglied_40174 am: Di. 15. Januar 2013 00:32:58
\(\begingroup\)Hallo. Ein sehr lesenswerter Artikel. In der heutigen Zeit scheinen sich immer weniger Menschen mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Er scheint fern und doch ist er allseits präsent. Kommt eine missliche Lage, geprägt von Leid, Missmut und Ungunst, fühlt sich der Mensch bedrängt. Zunächst ergibt sich die Frage nach den Schuldigen, anschließend folgt Aggressivität und letztlich wird jegliche Einstellung von Moral verworfen, die die Erziehung über Jahre erst hervorbrachte. Im Übrigen könnte man auch etwas über die Chemiker in diesen Zeiträumen schreiben. Gewisse große Chemiefirmen waren wahrlich Gründe für den Holocaust. Eine Schande, dass diese Firmen ihre Existenz behalten durften. \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Wauzi am: Di. 15. Januar 2013 00:40:22
\(\begingroup\)Ich hoffe, dieser Artikel wird auch andere dazu bringen, sich mit diesem beschämenden Thema näher zu beschäftigen. Und, nur nebenbei, vieles in dem Geschriebenen kann man fast wortgleich auf die Mathematiker in diesen Jahren übertragen. Ich schließe mich Franz an: Vielen Dank für diesen Artikel. Gruß Wauzi\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: rogerS am: Di. 15. Januar 2013 08:17:10
\(\begingroup\)Auch ich kann mich nur fuer diesen sehr guten Artikel bedanken. Es waren eben nicht nur die Politiker, Soldaten und Beamten. Die Saat des rechten Gedankenguts ging durch alle Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen. Und ist es nicht bequem wenn ein begabterer Physiker, Chemiker,Arzt seine Stelle raeumen muss und Platz macht fuer einen ehrgeizigen mittelmaessigen Mitlaeufer. Nochmal Danke fuer diesen Denkanstoss\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Bernhard am: Di. 15. Januar 2013 11:51:56
\(\begingroup\)Hallo Rebecca! Vielen Dank für diesen schönen Bericht! Ich ärgere mich jedesmal aufs Neue, wenn mir klar wird, was wir in Deutschland damals allein durch die Judenvertreibung und -emigration an exzellenten Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft - auf allen Gebieten - verloren haben. Und was für ein großes kuturelles und intelektuelles Potential uns damit abhanden gekommen ist. Von dem verlorenen Ansehen ganz zu schweigen. Ich jedenfalls könnte Hitler, Goebbels & Co jedesmal aufs neue den Hals umdrehen. Bernhard\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Astro am: Di. 15. Januar 2013 13:10:58
\(\begingroup\)Hallo, auch ich finde den Artikel sehr interessant und informativ. Vor allem gefällt mir, dass nun endlich mal ein Artikel erscheint, welchen man auch lesen kann, ohne ein mathematiknahes Studium belegt zu haben. Gruss Astro \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: eva1 am: Di. 15. Januar 2013 23:29:13
\(\begingroup\)Sehr interessanter Beitrag. Ich habe heute einen Bericht gelesen, dass sich das Deutsch-Franzoesische Verhaeltnis in den letzten 20 Jahren sehr stark verbessert hat. Das neue weltoffene hat sich wohl so langsam in der Welt wieder etabliert. Jedoch darf unsere schlimme Geschichte niemals in Vergessenheit geraten und wir sollten sie bei jedem Wort und jeder Tat im Hinterkopf behalten.\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Hans-Juergen am: Mi. 16. Januar 2013 19:05:24
\(\begingroup\)Danke, Rebecca, für den ausgezeichneten (und notwendigen!) Artikel. Bei früherer Gelegenheit verwiesest Du auf den Mathematiker Bieberbach, der sich Ähnliches wie Lenard, Stark und weitere zuschulden kommen ließ. Der jetzt von Dir erwähnte Prof. Zöllner machte auch in einem anderen Zusammenhang unrühmlich von sich reden, vgl. hier. Wie anders als bestimmte, verachtenswerte Physiker während der nationalsozialistischen Diktatur verhielten sich vor 176 Jahren die noch heute als "Göttinger Sieben" berühmten Professoren verschiedener Fachrichtungen! Vor 15 Jahren wurden sie durch eine, ein Gesamtdenkmal darstellende Figurengruppe vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover geehrt. (Näheres hier, Aktuelles 2013, Geschichte, Zeitgeschichte, ...) Viele Grüße, Hans-Jürgen \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: BotovQ am: Do. 17. Januar 2013 11:19:41
\(\begingroup\)Hallo, Rebecca, danke für diesen sehr lehrreichen Artikel. Ich habe sehr viel Neues gelernt.\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Site am: Do. 17. Januar 2013 12:40:16
\(\begingroup\)Der Artikel besticht durch eine selten erreichte Sachlichkeit im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Keine polemischen Ausdrücke oder Floskeln, sondern nüchterne Wirklichkeit. Statt die Nazi-Ideologie schlicht als 'Wahn' und 'Irrsinn' abzutun, werden Lenard und Stark mit ihren Argumenten wörtlich zitiert. So wird die Fatalität ihrer Denkmuster um so offenbarer. Auch die Rolle der DPG wird hier sehr ausgewogen und realistisch dargestellt. In Heidelberg, der Wirkungsstätte Lenards, ist die Geschichte noch etwas präsent. Ein Hinweis an Lenards Büro stellte klar: "Mitglieder der sogenannten Deutschen Physikalischen Gesellschaft haben keinen Eintritt". Dies zeugt von den Spannungen, die im Artikel eindrücklich erklärt werden. Beispielsweise im Schulunterricht kommt meines Erachtens die aufrichtige inhaltlich-kritische Auseinandersetzung mit dem Gedankengut der Nazis zu kurz. Sie weicht allzu oft einer pauschalen und polemischen Verteufelung. Wer aber die nationalsozialistischen Denkstrukturen kennt und verstanden hat, wird immun gegen solches Gedankengut. Mir wurde das vor allem deutlich durch die Lektüre der "Lettres à un ami allemand" von Camus, in denen Camus sich Schritt für Schritt mit den Argumenten eines fiktiven deutschen Freundes (zur Nazi-Zeit) auseinandersetzt. Deutschland, jedenfalls der westliche Teil, hat sich nach dem Krieg zwar seiner Geschichte gestellt. Doch einiges irritiert mich sehr: 1. Deutschland schreckt von offizieller Seite davor zurück, den Völkermord an den Armeniern als solchen anzuerkennen. Zitat aus dem Jahr 2010: "Die Bundesregierung begrüßt alle Initiativen, die der weiteren Aufarbeitung der geschichtlichen Ereignisse von 1915/16 dienen. Eine Bewertung der Ergebnisse dieser Forschungen sollte Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern vorbehalten bleiben." Der Stil dieser Äußerung erinnert in beschämender Weise an die Rhetorik mancher Holocaust-Leugner, die auf angeblichen wissenschaftlichen Klärungsbedarf hinweisen. 2. Zwar sagt man gern, Deutschland trage Verantwortung, daß etwas wie der Holocaust nie wieder und nirgends passieren kann. Der letzte Völkermord riesigen Ausmaßes (mit ca. 1 Mio. Opfern) ist aber nicht lange her, 1994 an den Tutsi in Ruanda. Das hat weder damals noch heute die Menschen hierzulande wirklich interessiert. Wie viel haben wir wirklich gelernt? Site \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Bernhard am: Do. 17. Januar 2013 19:39:44
\(\begingroup\)Hallo Site! Ich bin voll Deiner Meinung: Eine sachliche und nicht polemische Auseinandersetzung würde viel mehr bringen, als so manche bisher getriebene "Aufarbeitung". Gut finde ich z.B. von Rebecca, daß sie sich nicht krampfhaft auf Deutschland konzentriert. Die damalige - wie die heutige - Wissenschaft machte vor den politischen Grenzen nicht halt. Und politische Bewegungen wie in Deutschland waren damals in fast ganz Europa zu finden, wo es überall eine relativ labile Situation gab, wie hier in Deutschland. Aber sprechen sollte man drüber (dürfen)! \quoteon2. Zwar sagt man gern, Deutschland trage Verantwortung, daß etwas wie der Holocaust nie wieder und nirgends passieren kann. Der letzte Völkermord riesigen Ausmaßes (mit ca. 1 Mio. Opfern) ist aber nicht lange her, 1994 an den Tutsi in Ruanda. Das hat weder damals noch heute die Menschen hierzulande wirklich interessiert. Wie viel haben wir wirklich gelernt? \quoteoff Genau das ist hier nicht passiert - und wurde/wird auch anderswo nicht getan: Man spricht nicht darüber. Sonst fühlen sich alle beleidigt und die "Berufsempörer" gehen auf die Straßen und schreien von wegen "Hitlervergleich". Wenn man das, was damals passiert ist, auf ewig als ein unantastbares Non plus ultra jeglicher Vergleichbarkeit entzieht (weil es dann "relativiert" würde), dann kann man nichts daraus lernen. Nur wenn man sich mit der historischen Vorgeschichte, der sozialen Situation in Deutschland und Umgebung u.a. von damals beschäftigt, kann man erkennen, daß es seit dem immer wieder Länder und Völker auf der Erde gegeben hat (und gibt!), in denen ähnlich labile Verhältnisse herrschen und Bewegungen entstehen, wie wir sie damals hatten und die dann in ähnliche Krisen gerutscht sind. Hätte man das vorher aufzeigen dürfen, dann hätte man sie auch stützen können. Deshalb ist es jedesmal gut, wenn sachlich Fakten und Details aus dieser Zeit bekannt gemacht werden. Wie z.B. hier von Rebecca. Viele Grüße, Bernhard\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Gerhardus am: Fr. 18. Januar 2013 22:26:49
\(\begingroup\)Hallo Rebecca, ein spannendes Thema, das Schlimmste war der katastrophale Rassismus, der viele Wurzeln hat und die Quelle für den Unsinn der "deutschen Physik" oder "deutschen Mathematik" war, und die Unfähigkeit zu debattieren. Das Scheitern des Rassismus und die Emanzipation der Frau sind meines Erachtens die größten mental-sozialen Erfolge des 20. Jahrhunderts. Starks Artikel ist reine Polemik, überzeugen will er niemanden damit. Damals war die politische Kultur Deutschlands miserabel, es gab keine politischen Debatten, nur Polemik und Krieg, dominiert vom irrationalen Militarismus, Kaisertum, Nationalismus, Rassismus, Kirche und Klassenkampf. Gewalt, Krieg, Kampf galten als Heilsbringer, nicht Dialog und Kooperation, wie wir heute wissen. Auch heute fallen die Extremisten durch ihre Gewaltbereitschaft und ihre Unfähigkeit zu debattieren auf. Geschichte, auf wenige Fakten reduziert, läuft immer Gefahr, missverstanden zu werden. Auf einige Gefahren möchte ich hinweisen. Es ist ein schwieriges Thema, weil wir zu wenig wissen und leicht irren können. Deinen Artikel kann man so missverstehen, als wäre Einstein fast der einzige, der die Gefahr hat kommen sehen. Das stimmt so gar nicht. Viele wollten fliehen, konnten oder durften nicht. Der hochbegabte Mathematiker Otto Blumenthal (s. Wikipedia), floh erst nach Holland, kam dann beim Einmarsch der Deutschen nicht weg und wurde in Theresienstadt zu Tode gequält. Du erwähnst immer wieder den Nobelpreis, und ich frage mich, warum ist er für dich so wichtig. Ist er ein Heiligenschein, ein Leistungsmaß oder soll er uns sagen, was wichtig war? „Nach der Machtergreifung Hitlers dauerte es 22 Jahre, bis wieder ein deutscher Physiker den Nobelpreis erhielt.“ Brauchen wir so einen so einen Satz, um den Ruin der Nazizeit verstehen? Übrigens: Otto Stern, 1933 nach den USA emigriert, bekam den Physik-Nobelpreis für 1943. Drei Monate nach Hiroshima, als Otto Hahn 1945 in Farm Hall interniert war, weil er an der Entwicklung der deutschen Atombombe mitgebastelt hatte, bekam er den Chemie-Nobelpreis für 1944 für seine Entdeckung der Kernspaltung. Was wollte das Nobel-Komitee damit honorieren? Dein Bild von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ist schief, denn es gab dort heftigste Kontroversen, die 1935 Bieberbach sogar zurückdrängten. Ein Rating des Widerstands bringt aber nichts. Letztlich ist ja in der Nazizeit alles zugrunde gegangen Geschichte ist nicht nur Geschichte von Kriegen und Ideologien, sondern auch von Einzelschicksalen, und es gab während dieser Zeit keinen Europäer, der nicht gelitten hätte. Vermutlich müssen Mathematiker und Physiker außer einem historischen Interesse erst ein sehr persönliches Verhältnis zu ihrem Fach gewinnen, bevor sie sich für die Geschichte ihres Faches wirklich interessieren. Mir ist wichtig zu verstehen, was passiert ist, warum es passiert es und warum die einzelnen Personen so gehandelt haben, Schuldzuweisungen sind mir unwichtig. Über die damaligen Ereignisse an den Hochschulen wissen immer noch zu wenig und das liegt auch daran, dass wir uns zu wenig darum kümmern. Ich merke das am Beispiel Göttingen, das bis 1933 das Zentrum der Mathematik war (bemerkenswert die exzellente offene Dialogkultur dort) und dann innerhalb eines Jahres völlig verschwand. Wieso wissen wir über den Exodus der Handwerker des ukrainischen Dorfes Anatevka so viel und über den Exodus der weltberühmten Mathematiker und Physiker von Göttingen fast gar nichts? Das liegt auch daran, dass wir uns für diese Geschichte kaum engagieren. Göttingen war von Gauß bis 1933 ein Zentrum der Mathematik, aber es gab dort nie eine professionelle Stelle, die diese Geschichte aufgearbeitet hat. Das bedeutende Archiv wird von einem Archivar ehrenamtlich zusammengehalten und wartet noch auf die Aufarbeitung. Carl L. Siegel hat mal in den 20er Jahren die Zettel von Riemann ausgewertet, der Straßburger Prof. Schappacher versucht gelegentlich, die neueren Zettel zu ordnen und auszuwerten. Dass man sich dort nicht mehr engagiert, finde ich sehr traurig. Bzgl. Gauß gibt es eine Gauss-Gesellschaft, die sich aber nur mit Gauß beschäftigt, für die Nachfolger von Gauß gibt es keine Gesellschaft. Erwähnenswert: Ende letzten Jahres hat Richard von Schirach eine gut lesbare Dokumentation ("Die Nacht der Physiker") über Heisenberg, Hahn und Weizsäcker herausgebracht, die während des Krieges an der Atombombe bastelten. Die Amerikaner hätten diese Physiker am liebsten in Alaska verschwinden lassen, die Engländer aber meinten, sie nach dem Krieg für den Wiederaufbau verwenden zu können, und internierten sie deshalb für ein halbes Jahr lang in Farm Hall, um ein besseres Bild von ihnen bekommen. Hoffentlich habe ich jetzt Mut gemacht, diese Geschichten weiter aufzuarbeiten und besser zu verstehen. Gerhardus \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Hans-Juergen am: Sa. 19. Januar 2013 10:16:40
\(\begingroup\)Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur hörte die Unterdrückung politisch nicht genehmer Professoren, Dozenten und Studenten in Deutschland - genauer: im damaligen Ostsektor Berlins - nicht auf. Als Gegengewicht wurde vor 65 Jahren im Westteil der Stadt die Freie Universität gegründet. \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: grosser am: Mo. 21. Januar 2013 23:14:15
\(\begingroup\)Vielen Dank für den Artikel. Sehr interessant und auch wirklich schön aufgearbeitet. Z.B. anhand der Zitate, die sich wunderbar einfügen, kann man erahnen wie viel Arbeit du hier reingesteckt hast. Und es war es wert. grosser \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Aaba-Aaba am: Fr. 01. Februar 2013 23:47:41
\(\begingroup\)Hallo, es gibt eine westdeutsche Einstellung zu 33/45: man gibt alle Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 zu, ist aber nicht in der Lage auch nur eins aufzuklären. Vielleicht kann man 33/45 nicht aufklären. Nur sollte man auf die Unmöglichkeit der Aufklärung nicht noch stolz sein. Auch außerhalb Deutschlands war die Welt 1935 ein weitgehend unfreundlicher Ort. Es war eine Kolonialzeit. Zusätzlich wurden Menschen schwarzer Hautfarbe weltweit rassistisch behandelt. Gruß A.\(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Ex_Mitglied_40174 am: Mo. 04. Februar 2013 16:31:06
\(\begingroup\)Es ist immer wohlfeil, den moralischen Finger im Bezug auf die Vergangenheit hochzuhalten. Schon J. Gross bemerkte einmal, daß der Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit dem Quadrat des Abstandes von demselben wächst. Der Mensch muß sich aber im Jetzt bewähren. Dort hat er seine moralischen Qualitäten herauszuarbeiten. Man darf nicht vergessen, daß im Kampf um die Pfründe damals wie heute leicht zu unlauteren, aber probaten Mitteln gegriffen wird. Damals war es der Antisemitismus, heute die politische Korrektheit, derer man sich bedient. Man schaue sich nur an, wie die Scientific Community mit Leuten umgeht, die sich dem Klimawahn entgegenstellen. Ich finde nicht, daß irgendeine Wissenschaft eine Grund hat, sich über frühere Kollegen zu erheben, wobei dies nicht zur Entschuldigung irgendwelcher, bei Gott wirklich vorgekommener Unmenschlichkeiten dienen soll. Wie gesagt, es besteht keinerlei Grund, sich irgendwie auf die Schulter zu klopfen und sich zu erheben. \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: Hans-Juergen am: Di. 05. Februar 2013 10:35:58
\(\begingroup\)Hallo Anonymus, (normalerweise antworte ich nicht Postern mit solch einem "Absender", aber hier tu' ich's) wir "klopfen uns" nicht "auf die Schulter" und "erheben" uns nicht über andere, wenn wir ihr Fehlverhalten beschreiben. Nur das geschieht in dem Artikel von Rebecca, dessen Sachlichkeit in den nachfolgenden Diskussionsbeiträgen zu Recht hervorgehoben wird. \(\endgroup\)
 

Re: Ausgrenzung und Vertreibung von Physikern durch Physiker im 3. Reich
von: GrandPa am: Mi. 08. Mai 2013 10:05:19
\(\begingroup\)"Weltanschauung siegt über logisches Denkvermögen" Das ist heute noch so aktuell wie damals - leider! Guter Artikel - danke! V.l.G. GrandPa\(\endgroup\)
 

 
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