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Universität/Hochschule Forschungsfelder reine Mathematik
Aegon
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Zum letzten BeitragZum nächsten BeitragZum vorigen BeitragZum erstem Beitrag  Themenstart: 2020-07-02


Hallo,

mein Mathematik-Masterstudium neigt sich dem Ende zu und nun kommt natürlich die Frage auf, wie es weitergehen soll.

Ich habe mich hauptsächlich mit reiner Mathematik beschäftigt, vor allem Differentialgeometrie, aber auch mit PDEs.

Eine Möglichkeit ist dann natürlich, zu versuchen an dem Fachbereich eine Promotionsstelle zu bekommen. Ich habe auch bereits Erfahrungen mit dem Leiten von Übungsgruppen, die Zeit aufzuteilen in eigene Forschung und Unterrichten finde ich sehr ansprechend.

Vor allem in letzter Zeit ist aber auch häufiger der Wunsch aufgekommen, etwas mit praktischerem Bezug, vor allem in Richtung Klimaforschung zu machen. Dazu habe ich mich natürlich auch schon informiert, soweit ich das sehe kommt dort hauptsächlich angewandte Mathematik vor.

Meine Fragen an euch:

Gibt es hier jemanden, der bei seiner Arbeit mit reiner Mathematik zu tun hat? Oder mit mathematischen Anwendungen in der Klimaforschung?
Kennt ihr vielleicht weitere Bereiche, in denen reine Mathematik, vor allem Differentialgeometrie Forschung betrieben wird, aber es auch einen praktischen Aspekt gibt?



Außerdem stelle ich mir neben der Frage was mich am meisten interessiert natürlich auch die Frage was denn am meisten Zukunftsperspektiven bietet.

Ich stelle mir zum Beispiel bei der Möglichkeit, weiter am Fachbereich Mathematik zu bleiben, die Frage: Was passiert, wenn meine Forschung einfach nicht gut genug ist? Werde ich dann nach einer Promotion keine weiteren Stellen in dem Bereich bekommen? Was mache ich dann beruflich?
Ist es dann vielleicht sinnvoller eine Promotion in der angewandten Mathematik anzustreben, um mehr Möglichkeiten zu haben?



Zuletzt noch eine Frage: Wenn man sich die Biografien verschiedener Professoren usw. anschaut, sieht man, dass sie beruflich schon an ziemlich vielen verschiedenen Orten unterwegs waren. ch bin allerdings aus verschiedenen Gründen ziemlich an meine Heimatstadt gebunden, so etwas wie ein kürzerer Auslandsaufenthalt ist schon möglich aber eben nicht jahrelang. Macht es dann überhaupt Sinn, eine "Karriere" in der Forschung anzustreben, oder hat man eh keine Chance, wenn man nicht ständig umziehen will?

Vielen Dank an alle, die sich die Zeit nehmen, das zu lesen und mir vielleicht einige Tipps geben können!



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Bilbo
Senior Letzter Besuch: in der letzten Woche
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Zum letzten BeitragZum nächsten BeitragZum vorigen BeitragZum erstem Beitrag  Beitrag No.1, eingetragen 2020-07-05


Hallo Aegon,

ich habe zwar nicht in der klassischen reinen Mathematik, sondern in Theoretischer Informatik promoviert, aber kann ein wenig meine Erfahrungen weitergeben.

Wenn es um Dir darum geht, Dein Forschungsgebiet in einem Job in der freien Wirtschaft anzuwenden, wirst Du vermutlich mit Angewandter Mathematik wirklich besser fahren - daher ja auch der Name. :-) Wobei PDEs sich ja schon näher an z.B. physikalischen Anwendungen anhören, als wenn Du Dich etwa auf Zahlentheorie oder algebraische Topologie spezialisieren würdest.

Allerdings kenne ich auch diverse Leute, die in solchen sehr rein-mathematischen Bereichen promoviert haben und danach trotzdem relativ schnell einen Job in der freien Wirtschaft bekommen haben; der algebraische Topologe etwa arbeitet jetzt bei einer Versicherung, der Zahlentheoretiker als Softwareentwickler. Andere haben noch eine pädagogische Zusatzqualifikation erworben und sind Lehrer geworden. Es ist also nicht so, dass man durch die Wahl seines Promotionsgebiets seine zukünftige berufliche Entwicklung bereits eindeutig festlegt. Andererseits habe ich bei meinen eigenen Bewerbungen festgestellt, dass die Firmen auch nicht geradezu nur auf einen promovierten Mathematiker warten, der sonst keine beruflichen Erfahrungen aufweist. Etwas einfacher hat man es da mit einem angewandten Promotionsgebiet sicher, aber ebenso auch mit Praktika oder wenn man z.B. nebenher schon größere Programmiererfahrungen sammeln konnte.

Soweit zum Thema "Berufsfelder außerhalb der Forschung".

Was eine Karriere in der Wissenschaft angeht: Ob Deine Forschung "gut genug" ist, um Dir da vernünftige Chancen zu eröffnen, kannst Du am Ende der Promotion hoffentlich ehrlich genug selbst einschätzen bzw. natürlich auch Deine(n) Betreuer um seine ehrliche Einschätzung bitten. Wenn die Antwort dann "nein" lautet, ist es wie gesagt kein Beinbruch (mal vorausgesetzt, Du hast Studium und Promotion halbwegs im normalen Zeitrahmen durchgezogen). Dann wechselst Du eben mit einer etwas höheren Anfangsqualifikation in die freie Wirtschaft. Im anderen Fall wirst Du vermutlich erstmal noch eine oder mehrere befristete Post-Doc-Positionen durchlaufen, bis Du es dann im Optimalfall irgendwann zu einer unbefristeten Stelle als Professor oder zumindest Privatdozent schaffst. Manche wechseln auch nach einer Post-Doc-Stelle noch in die Wirtschaft. Gerade für Angewandte Mathematiker gibt es bei einigen größeren Unternehmen, wie z.B. Bosch, auch sehr forschungsnahe Stellen, für die ein gewisses wissenschaftliches Netzwerk vorteilhaft ist.
Ungünstig wäre lediglich, wenn Du Dich von einer Post-Doc-Stelle zur nächsten durchhangelst, ohne nennenswerte wissenschaftliche Erfolge vorzuweisen. Irgendwann spätestens mit 40 wird es dann natürlich auch mit dem Wechsel in die freie Wirtschaft schwierig ... Nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz darf man in Deutschland zwar 12 Jahre befristet an Hochschulen angestellt werden, es empfiehlt sich meiner Meinung nach aber, diese Frist nicht vollständig auszunutzen, sondern ggf. noch rechtzeitig den "Absprung" zu schaffen.

Nun noch zu Deiner letzten Frage: Hier muss man leider sagen, dass die Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere sehr gering sind, wenn Du örtlich nicht flexibel bist. In meinem Arbeitsgebiet sind die Leute für ihre Post-Doc- oder Professur-Stellen in die ganze Welt gegangen: Moskau, Shanghai, Kapstadt, Pennsylvania, Auckland. Ich selbst hätte eine Post-Doc-Stelle in Singapur annehmen können. Das Problem ist einfach, dass Du ja in der Regel in einem sehr spezialisierten Gebiet arbeitest, in dem nur einige Dutzend (oder bei populären Bereichen vielleicht einige Hundert) Personen weltweit arbeiten, und erstmal jemand von diesen eine passende Stelle gerade frei haben muss. Für viele Forscher ist es sicher möglich, irgendwann nach Deutschland zurückzukommen. Aber wenn Du dann selbst in Deutschland noch auf eine spezielle Stadt festgelegt bist, wird es schon schwierig, es sei denn, Wochenendpendeln wäre eine Option für Dich.

Für mich waren das übrigens auch zwei wesentliche Punkte - die unsicheren Zukunftsperspektiven, wenn man nicht zu den Besten seines Fachs gehört, und die nötige Bereitschaft, lange ins Ausland zu gehen - warum ich mich nach der Promotion gegen einen Verbleib in der Wissenschaft entschieden habe.

Aber wenn Du Lust hast, zu promovieren, und keine zu großen Karriere-Ambitionen, dann mach es doch. Ich würde Dir empfehlen, Dir auch eher zu überlegen, welches Fachgebiet Dir wirklich Spaß macht und wo Du einen Betreuer findest, der Dir sympathisch ist und Dich unterstützt und fördert, als nur zu fragen, was Dir später im Beruf wohl am meisten nützt. Denn eine Promotion kann hart genug sein, da sollten wenigstens die Rahmenbedingungen stimmen.

Viele Grüße, ich hoffe, ich konnte Dir etwas helfen

Thorsten




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